MEET TITUS MÜLLER!


 

In einem Exklusiv-Interview mit artventist plaudert Autor Titus Müller aus der Schreibschatulle und verrät einige seiner Erfolgsgeheimnisse. Titus erklärt warum eine Geschichte zu erzählen keine Zeitverschwendung ist, und verweist auf biblische Vorbilder in einer der ältesten Künste, der Erzählkunst. Außerdem stellt er seinen neusten Roman "Die Jesuitin von Lissabon" vor.  

 

 

 

 

 

Geboren am 15.10.1977 in Leipzig.

Studierte Literatur, Mittelalterliche Geschichte,

Publizistik- und Kommunikationswissenschaften in Berlin.

Titus Müller lebt in München.

 

Weitere Infos unter

www.titusmueller.de

 

 

INTERVIEW

 

artventist: Hallo Titus! In diesem Frühjahr wirst du wieder auf Lesetour sein, du hast eine eigene Fernseh-Sendung („Auserlesen“) und schreibst einen Roman nach dem anderen. Wie bekommst du das alles unter einen Hut?

 

Titus Müller: „Auserlesen“ läuft nur einmal im Monat, das ist gut zu bewältigen. Und wenn ich auf Lesetour bin, schreibe ich genauso wie an den Tagen zu Hause – ich kann mich im Zug gut konzentrieren, manchmal sogar besser als am heimischen Schreibtisch.

 

artventist: Für dieses Frühjahr ist dein neuer Roman „Die Jesuitin von Lissabon“ angekündigt, für den du unter anderem in Lissabon recherchiert hast und der dich 2 Jahre beschäftigte. Kannst du uns schon etwas über „Die Jesuitin von Lissabon“ erzählen? 

 

Titus Müller: Es geht darin um das Erdbeben von 1755, das die Frage nach Gottes Gerechtigkeit aufgeworfen hat und dafür sorgte, dass sich Wissenschaftler zum ersten Mal eingehend mit der Seismologie befassten. Man wusste damals nicht einmal in Ansätzen, wie Erdbeben entstehen. Außerdem geht es um einen Anschlag auf den König von Portugal und, wie der Titel sagt, um den Jesuitenorden, der im Gefolge des Erdbebens zuerst in Portugal, dann in allen anderen Ländern aufgelöst wurde, obwohl es damals der größte und mächtigste Orden der katholischen Kirche war. Er wurde erst 1814 neugegründet. Eine Lovestory gibt es natürlich auch: Zwei Zwillingsschwestern verlieben sich in denselben Mann.

 

artventist: Insgesamt sind bereits 6 historische Romane von dir erschienen, das ist eine beträchtliche Leistung. Hast du einen persönlichen Favoriten?

 

Titus Müller: Ich mag „Die Todgeweihte“ besonders gern.

 

artventist: Was fasziniert dich an der Romanform?

 

Titus Müller:  Kaum etwas geht uns so nahe wie Geschichten. Aus diesem Grund hat Jesus so viele Geschichten erzählt, denke ich. Ich lasse mich gern von Filmen oder Romanen berühren, und als emotionalem, sensiblem Typ liegt es mir nahe, auf die gleiche Art und Weise berühren zu wollen, wenn ich etwas zu sagen habe.

 

artventist: Deine Themen finden großen Anklang und so überrascht es nicht, dass du bereits einige Preise erhalten hast. Was bedeuten dir diese Erfolge? 

 

Titus Müller: Literaturpreise sind toll, für ungefähr drei Wochen. Dann geht das Leben weiter wie zuvor. Ich freue mich, wenn die Preise Leser für meine Romane gewinnen. Meine Selbstzweifel muss ich aber auf andere Weise bekämpfen, sie sind immun gegen Literaturpreise. (Lacht.)

 

artventist: Hattest du schon mal Angst, kein weiteres Thema mehr zu finden? 

 

Titus Müller: Es stehen bei mir immer mehrere Themen Schlange, deshalb kenne ich diese Angst nicht. Beängstigend finde ich es eher, wenn ich mir ausrechne, wie wenige Bücher ich in meinem Leben nur noch schreiben kann. Selbst wenn es eines alle anderthalb Jahre ist und ich achtzig Jahre alt werde, sind es weniger als fünfundzwanzig.

 

artventist: Auf deiner Webseite erfährt man, dass dich mittelalterliche Geschichte und Literatur bereits während deines Studiums beschäftigten. Bist du also längst in deinem Genre angekommen oder könnte es sein, dass Titus Müller sich auch mal anderer Themen annimmt? 

 

Titus Müller: Ich habe ja schon mal einen Ausflug in die Sciencefiction unternommen mit dem Roman „Die Siedler von Vulgata“. Wenn mich der historische Roman einmal langweilen sollte, lasse ich mir wieder etwas in dieser Art einfallen. Es gibt ja zum Glück viele Spielwiesen …

 

artventist: Einen solchen Genre-Wechsel hast du ja unlängst in deinem „kleinen Buch für Lebenskünstler“ vorgenommen. Wie kam es zu diesem Werk?

 

Titus Müller: Ach, das würde ich gar nicht als „Werk“ bezeichnen. Es sind kleine Alltagsgeschichten, die mich verblüfft haben und aus denen ich gelernt habe. Es wäre zu schade gewesen, die Erlebnisse nicht aufzuschreiben.

 

artventist: Woher nimmst du deine Ideen? Gibt es eine besondere Motivation für deine Kunst?

 

Titus Müller: Ideen finde ich einfach dadurch, dass ich die Augen offen halte und beobachte, was um mich herum geschieht. Wir leiden ja darunter, dass das Leben an uns vorbeirauscht. Wir arbeiten, schlafen, essen, arbeiten, schlafen, essen, und sind regelrecht blind geworden durch unsere Lebensgeschwindigkeit. Ich versuche, auf kleine Fundstücke aufmerksam zu machen: eine Murmel, eine Vogelfeder, eine alte Bahnfahrkarte. Auf Schneeflocken. Auf den Wind, der uns im Sommer warm über das Gesicht streicht. Wenn wir so etwas bestaunen, finden wir zu unserem wirklichen Menschsein zurück, zum Suchen und Erleben und Entdecken.

 

artventist: Hast du Vorbilder, die dich besonders inspirieren / inspiriert haben?

 

Titus Müller: Ich bewundere C.S. Lewis für seine Gedankenschärfe. An Alfred Döblin fasziniert mich der Umgang mit Sprache. Aber es fällt mir schwer, ein Vorbild herauszustellen – ich lese so gerne und so viel, und in beinahe jedem Buch finde ich etwas, das mich verblüfft.

 

artventist: Wie viel vom Erfolg im Schreiben hängt deiner Meinung nach von Talent, wie viel von Übung/Fertigkeit, wie viel von Disziplin ab?

 

Titus Müller: Wenn ich mir meine Kolleginnen und Kollegen ansehe, fällt bei aller Verschiedenheit auf, dass sie sich in einem ähneln: Sie besitzen eine außergewöhnliche Zähigkeit. Sie verfolgen mit Wut, mit Leidenschaft, mit Zärtlichkeit ihr Ziel, bis das Buch fertiggestellt ist. Das ist beim Schreiben wichtiger als das Quentchen Talent, das man zu Anfang braucht.

 

artventist: Wird man Künstler oder ist man bereits Künstler und muss es nur entdecken und entfalten? Anders: Ist Kunst Sache der „Berufung“ oder ein zu lernendes Handwerk?

 

Titus Müller: Vielleicht besteht die Berufung in einer gewissen Beobachtungsgabe. Alles andere ist Handwerk, und man hört sein Leben lang nicht auf, dabei Neues zu lernen.

 

artventist: Dein Tipp für werdende Autoren?

 

Titus Müller: Viel lesen. Sich mit anderen zusammenschließen, die in einem ähnlichen Entwicklungsstadium sind, und sich gegenseitig Feedback zu den Texten geben. Manchen helfen auch Seminare und Bücher weiter, ich zum Beispiel habe gut zwei Dutzend Bücher über das Schreiben gelesen, und aus jedem mindestens eine Sache dazugelernt. Nun habe ich selbst eins geschrieben: „Vom Abenteuer, einen Roman zu schreiben“ erscheint im Februar. (Kapitel 1 kostenlos als Leseprobe)

 

artventist: Du bist bekennender Christ und bekennst dich auch frei und offen zu deiner Freikirche. Vielen bist du darin so etwas wie ein Vorbild. Welche Rolle spielt der Glaube für deine Arbeit als Autor?

 

Titus Müller: Auch wenn ich einen Roman schreibe, also eine fiktive Handlung erzähle, muss ich als Autor authentisch und ehrlich sein – alles andere würden die Leser schnell merken. Ich kann nur Geschichten erzählen, die mich auch selbst berühren. Und da ich ein Gottsucher bin, handeln meine Geschichten von Gottsuchern. Ich könnte für meine Romane Gott nicht ausblenden.

 

artventist: Wie wird dein Glaube in deinem Arbeitsumfeld empfunden?

 

Titus Müller: Mein erster Roman ist 2002 erschienen. In den acht Jahren seitdem habe ich es auf professioneller Ebene nur ein einziges Mal erlebt, dass jemand mit meinem Glauben nicht zurechtkam. Die meisten Menschen respektieren ihn oder finden ihn sogar spannend. Natürlich fällt es auf, dass ich fortwährend über Kirchengeschichte, Ketzer, Alltagsphilosophen und Gottsucher schreibe. Aber weil es zu mir gehört und authentisch ist, wird es akzeptiert.

 

artventist: Hast du erlebt, dass Kunst und Glaube mit einander in Konflikt geraten?

 

Titus Müller: Nein. Ich muss ja nicht alles machen. Wenn ich ein Projekt nicht mit Überzeugung und Herzblut verfolgen kann, lehne ich es ab. Zum Beispiel sollte ich einmal den Roman zu einem ZDF-Zweiteiler schreiben, in dem es um die „Heilige Lanze“ ging, die Jesus am Kreuz in die Seite gestoßen wurde. Im Drehbuch besaß die Lanze einen eigenen Willen, als sei sie von einem Geist beseelt. Darüber wollte ich nicht schreiben, also habe ich den Auftrag abgelehnt.

 

artventist: Wie gehst du mit der Spannung um, als "Fiktionsautor" in einer Gemeinde beheimatet zu sein, die sehr viel Wert auf „die Wahrheit“ legt?

 

Titus Müller: (Lacht.) Ich schmunzele manchmal darüber, wie wir Christen den Umstand verdrängen, dass auch Jesus fiktive Geschichten erzählt hat, um uns zu berühren und zu verändern. In seinen Geschichten geht es sogar mitunter blutig zu: Da werden die Knechte erschlagen, die zum Weinberg gehen, und am Ende der Sohn; da verprasst einer sein Erbe; da wird jemand beraubt und fast zu Tode geprügelt.

Genauso, wie Jesus der Wirklichkeit ins Auge geblickt hat und von ihr sprach, kann auch ein Roman die Sünde nicht aussparen. Es wäre eine Lüge, herrliches, sanftes, schuldfreies Leben vorzugaukeln. Dieses Leben gibt es nicht mitten im Kampf zwischen Gut und Böse. Ich wäre als Autor unehrlich, wenn ich den Lesern eine beschönigte Version des Lebens vorsetzen würde, anstatt ihnen zu helfen, ihr eigenes Leben klar und deutlich zu sehen.

 

artventist: Entspricht es deiner Erfahrung, dass deine Gemeinde Verständnis für deine Kunst aufbringt? Oder erlebst du deine Gemeinde zuweilen als „kunstfeindlich“? 

 

Titus Müller: Beides habe ich erlebt, Begeisterung und großes Interesse an meiner Arbeit, aber auch Verurteilung und Ablehnung. Bisher sind die Künste, glaube ich, nicht gerade die Stärke der Adventkirche, sei es nun Film, Theater, Malerei oder das Erzählen. Wir sind eher auf den kühlen Verstand ausgerichtet. Andererseits tut sich in letzter Zeit eine Menge, vor allem in Großstädten wie Hamburg, Berlin und München.

 

artventist: Wie denkst du über das Thema „Kunst und Mission“? Darf man diese beiden Begriffe zusammendenken, muss man sie zusammendenken, oder sind sie für dich auseinanderzuhalten? 

 

Titus Müller: Die Frage ist, was will ich denn erreichen, wenn ich vom Evangelium erzähle? Soll der Zuhörer nur etwas verstehen und vernunftmäßig nachvollziehen und dann quasi mit Gott einen Vertrag abschließen? So wird es oft gehandhabt. Aber als Jesus nach dem höchsten Gebot gefragt wird, antwortet er: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften. Und du sollst deinen nächsten Lieben wie dich selbst.“ Wenn wir uns auf den Verstand beschränken, wo ist unser „ganzes Herz“, unsere „ganze Seele“, unser „ganzes Gemüt“?

 

Jesus wird gefragt: “Wer ist mein Nächster?” Er hätte antworten können: “Jeder ist dein Nächster.” Das wäre logisch gewesen. Knappe Frage – knappe Antwort. Für den Verstand hätte das vielleicht genügt. Statt dessen erzählt er eine Geschichte, und selbst Nicht-Bibelleser verbinden noch 2.000 Jahre danach mit dem Begriff “Barmherziger Samariter” Nächstenliebe und Mitgefühl.

 

Eine Geschichte zu erzählen, ist keine Zeitverschwendung. Ein Film, ein Bild, ein Tanz, ein Theaterstück sind keine Zeitverschwendung. Sie sind wirkungsvoll. Jesus weiß das. Matthäus erklärt: “Jesus benutzte immer wieder solche Beispiele, wenn er zu den Menschen sprach. In keiner seiner Predigten fehlten sie.”

 

artventist: Was möchtest du mit deiner Kunst erreichen? Welche Spur würdest du gerne hinterlassen?

 

Titus Müller: Ich möchte zu allererst unterhalten, meine Geschichten sollen Spaß machen und spannend zu lesen sein. Vielleicht wird ein Leser sagen: „Hm, gibt es ihn doch?“ Wenn sich nur einer auf die Suche nach Gott macht, bin ich überglücklich.

 

artventist: Vielen Dank, Titus, für das interessante Gespräch! Wir wünschen dir in deiner Arbeit weiterhin viel Freude und Erfolg! 

 

Das Interview führte Daniel Wildemann